Als Züchter aktiv
Eine der wichtigsten Erkenntnisse und Erfahrungen Reicharts, die auch am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts für unsere Gärtner große Bedeutung hat, ist die Notwendigkeit der Einführung neuer Arten und Sorten sowie deren Anpassung an die Standortbedingungen durch die Züchtung.
Reichart führte Blumenkohl von Zypern nach Erfurt ein. Er befasste sich vor allem mit der Züchtung und Sortenrajonierung von Blumenkohl, Kopfkohl und Rettich, aber auch mit der Züchtung von Zierpflanzen und Kräutern. Der Anbau von Blumenkohl und Brunnenkresse wurden durch ihn ebenso wie Züchtung und Saatgutvermehrung zu wirtschaftlich bedeutenden Zweigen Erfurter Gartenbaus. Dabei sah Reichart in der Weitergabe des von ihm erworbenen Wissens und seiner praktischen Erfahrungen eine Form der vorteilhaften Weiterbildung. Er schrieb: "Ich mache mir freilich ein Vergnügen daraus, die zur Aufnahme des Feld- und Gartenbau dienlichen Vorteile dem Publiko mitzuteilen und bin überzeugt, daß hierdurch nicht nur unserer Stadt, sondern auch anderen Ländern ein merklicher Vorteil zuwachsen werden."
Darüber hinaus machte er deutlich, dass es vor allem im Studium an der Universität und bei der praktischen Ausbildung der Gärtner auf die Verwirklichung der Einheit von Theorie und Praxis ankommt, indem er "den Herren Docenten auf Universitäten" kritisierte, der "wie der Blinde von der Farbe redet, weil er selbst keine Praxis hat". Reichart fasste seine Auffassung zur Ausbildung im folgenden Satz zusammen: "Mein Sinn und unmaßgeblicher Vorschlag geht vielmehr dahin, daß junge Leute eine Anleitung zur Praxis oder einen solchen Unterricht bekommen mögen, welchen sie wirklich einmal in der Praxis nutzen und vermittelt denselben weitergeben können." Das fortschrittliche wissenschaftliche und praktische Erbe, das Reichart nach seinem Tode 1775 als sein Vermächtnis hinterließ, war vielfach Grundlage des Handelns nachfolgender Gärtnergenerationen.
Dr. Eberhard Czekalla, Erfurt
