Vermächtnis und die Folgen
Beim Studium seiner Werke wird deutlich, dass er der Verbindung von Theorie und Praxis mit dem Ziel der stetigen Vervollkommnung der Produktionsverfahren eine entscheidende Bedeutung für einen erfolgreichen Gartenbau zumaß. Sein Vater hatte ihm schon deutlich gemacht, dass es "das mehreste darauf ankäme, nachzudenken, wie nehmlich bey jeder Frucht die Begattung der Erde und Erziehung der Früchte vom Frühjahr an das ganze Jahr durch müßte besorgt werden!"
Und in seinen Supplementen zu seinem Land- und Gartenschatz bekannte sich Reichart deutlich zum wissenschaftlichen Gartenbau, indem er formulierte: "Keine Wissenschaft in der Welt ist höher, nöthiger und nützlicher als die Ökonomie (Landwirtschaft, d. A.), weil sich aller menschlich zeitliche Wohlgahrt darauf gründet." Dabei sah Reichart in einer standortgerechten Produktion und in der Nutzung der Gratisgaben der Natur verallgemeinerungswürdige Grundsätze für die Gestaltung der gärtnerischen Produktion, die er selbst in seinem Betrieb auf hohem Niveau demonstrierte. Reichart nutzte den günstigen Aueboden im Dreienbrunnen, meliorierte ihn, legte ein System von Wassergräben (Klingen) an, in denen Brunnenkresse angebaut oder aus denen Gießwasser geschöpft wurde. Auf den Hügeln (Jähnen) zwischen den Gräben wurden Gemüse oder Feldfrüchte im Wechsel angebaut, bei Gemüse bis zu drei Ernten pro Jahr.
"Höhere Fruchtbarmachung des Bodens" war eines seiner Ziele und Grundlage seines praktischen Erfolges. Die Einführung einer achtzehngliedrigen Fruchtfolge im Wechsel von zehn Garten- und acht Feldfrüchten ohne Brache stellte die Ablösung der Dreifelderwirtschaft dar. Sie ist eine bedeutende wissenschaftliche und praktische Leistung Reicharts. Durch diese Fruchtfolge, mit Hilfe ausreichender organischer Düngung, meliorativen Tiefpflügens, der Gestaltung von Anbausystemen sowie durch Maßnahmen des physikalischen und biologischen Pflanzenschutzes steigerte Reichart die Erträge sowie die Qualität seiner Produkte. Er lieferte damit ein Beispiel Integrierten Landbaus, der nach fast drei Jahrhunderten nunmehr wieder auf der Tagesordnung steht.
Reichart erkannte aber auch, daß es stets erforderlich ist, die menschliche Arbeit produktiver zu gestalten. Deshalb setzte er sich mit der Entwicklung neuer Produktionsinstrumente und mit einer besseren Nutzung der Arbeitszeit auseinander. Zu den von ihm entwickelten und vervollkommneten Geräten gehörten die Radhacke (Maschine zum Durchschneiden der überflüssigen Früchte und des Unkrautes), mit der nach seinen Angaben an einem Tage mit zwei Tagelöhnem" mehr auszurichten war als mit zwanzig Personen" ' Aber auch Pflanzstock, Melonenbohrer, Schureisen, Tretbretter und Gießschüssel sind Ergebnisse seiner Entwicklungsarbeit. Sie können im Gartenbaumuseum auf der Erfurter Gartenbauaustellung besichtigt werden.
