Fachhochschule Erfurt – Architektur

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Fachrichtung Stadt- und Raumplanung

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Fakultät Architektur und Stadtplanung - Faculty of Architecture and Urban Planing
Fachochschule Erfurt - University of Apllied Sciences Erfurt

 

AM ANFANG…

… stand die Frage, welchen produktiven Input die peripheren ländlichen Räume und ihre kleineren Städte heute für die Entwicklung unserer europäischen Gesellschaften geben können. Im Rahmen einer Winterschool 2018 der Nationalen Stadtentwicklungspolitik sollte der Versuch unternommen werden, den großstadtzentrierten Blick zu überwinden und neu auf die ländlichen Räume und seine Klein- und Kleinststädte zu blicken. Weniger die Abgrenzungen zwischen Stadt und Land sollten im Mittelpunkt stehen, als vielmehr die StadtLand-Beziehungen sowie Unschärfen und Kontinuen. Wir haben uns früh dafür entschieden, an der Fachhochschule Erfurt den von der IBA in den Mittelpunkt gestellten Begriff StadtLand aufzugreifen. StadtLand stellt die eindeutigen Zuordnungen von städtisch und ländlich in Frage, weil letztere die Lebensrealitäten heute nicht mehr abbilden. StadtLand stellt das angestammte Privileg der Städte in Frage, Ort des Fortschritts und der Avantgarde zu sein. Und er stellt die Frage nach den Beziehungen und Netzwerken, die neu hergestellt werden müssten. StadtLand als Experimentierraum zu denken, hat die Frage ausgelöst, welchen Beitrag wir von Hochschulseite aus leisten können, um eben diese Beziehungen zwischen ländlichen Räumen und Stadt herzustellen. Dazu müssen wir uns vergegenwärtigen, welche Beziehung zum Land noch existiert und welche wir verloren haben.

VON DEN VERLUSTEN

Das Land ist unzugänglich und gleichförmig geworden. Mit den Flächenerweiterungen und -zentralisierungen ist zugelassen worden, dass kleinräumige, vielfältige Flurstrukturen begradigt werden. Großindustrielle und Bodenspekulanten übernehmen die Dorfgemarkungen und die letzten Beziehungen der Menschen zu ihrem Land verschwinden. Der Bauer ist zum Agrarunternehmer geworden, seine Produktion, die Auswahl seiner Feldfrüchte und die verwendete Technik ist gekoppelt an Weltmarkt und Börse. Verloren sind zum Großteil die bäuerlichen Lebenswelten, die regionale Wertschöpfung, die Verbindung von Land und Dorf sowie Hof und Handwerk. Die Befreiung von der Bindung an den jahreszeitlich strukturierten, von Wetter und Klima abhängigen Anbau von Nahrungsmitteln hat auch die Beziehung zu den LEBENSmitteln verschwinden lassen. Konsumenten verlangen standardisierte, jahreszeitenunabhängig verfügbare Ware und sind doch angeekelt von der chemisch, thermisch oder durch Bestrahlung haltbar gemachten Kost, die zu innerlich teils fauler, geschmacklich fahler und gehaltloser Nahrung geworden ist. Dass die Kultur des Essens und die Kultur der Landbewirtschaftung zusammenhängen, die Verarmung der einen die Verarmung der anderen zu Folge hat, ist Wenigen bewusst. Die Gesellschaft ist geprägt von einer romantisch verklärten Sicht auf das Land und gleichzeitig wird die Stadt favorisiert, und als das Versprechen des Fortschritts, der Entwicklung, der Zukunft und Freiheit gehalten. Warum ist das so? Nach Hartmut Rosa (2016) basiert das Weltverhältnis der Moderne auf der Idee, dass das Vergrößern von Weltreichweite und die Logik des Steigerns Glück und das gute Leben bedeuten. Dieses Versprechen ist den Städten mit Kneipen, Kino, Kultur, Bahnhof und Flughafen immanent: Die Kehrseite dieses Verfügbarmachens von Welt ist nach Rosa (ebd.) ein Weltverstummen, ein Weltverlust, ein Mangel an Beziehung und Resonanz. Wenn wir also den Verlust so nicht hinnehmen wollen, eine andere Form von Beziehung herstellen wollen, was können wir aus Hochschulsicht dann tun?

STADTLAND ALS CAMPUS

Der naheliegende Gedanke ist, die Hochschulen neu auf dem Land zu verorten: räumlich, baulich und personell. Was wäre, wenn ein Campus im ruralen Raum in Ergänzung zum städtischen Campus diese Beziehungen erlebbar, lebbar und erlernbar macht? Unsere Planung würde die Lebensrealitäten besser abbilden, wir wären kein Fremdkörper und nicht nur vor, sondern im Ort. Wir könnten lehren und lernen. Wir könnten unsere Bildungsinstitution der Zivilgesellschaft gegenüber öffnen, könnten mit Partnern vor Ort gemeinsame Lernlabore bauen, Entwicklungsimpulse schaffen und von Impulsen Anderer profitieren. Die Stadt mit dem Land zu verbinden, bedeutet die Hochschule unmittelbar und materiell in die Region einzubinden. Es braucht ortsgebundenes Wissen als Basis für Neuorientierung und neue Erfahrungen. In der Verortung eines StadtLandCampus, der Verknüpfung von städtisch und ländlicher Hochschulbildungsstätte, wird die Voraussetzung für eine unmittelbare Verantwortungsübernahme für ein Gemeinwesen geschaffen. So wird nicht für, sondern im und mit den ländlichen Räumen und ihren Kleinststädten geplant.
STADTLANDCAMPUS ALS BILDUNGSQUALITÄTSFORMEL
Räumliche Konzeptionen zu entwickeln heißt für Stadt- und Regionalplaner*innen, Gesellschaft zu beeinflussen und Impulsgeber*innen zu sein. Es braucht dazu das Gespräch auf Augenhöhe, erst recht an der Stelle, wo die Hochschulen selbst lange von Großstadtzentrismus geprägt waren. Es bedarf anderer, weniger distanzierter und elaborierter und mehr ethnographisch orientierterer Methoden, wie das Alltagsgespräch, die teilnehmende Beobachtung und das gemeinsamen Handeln und Erschaffen vor Ort. Die Ausbildung in der Planung wird noch konkreter: nicht nur projektorientiert, sondern teilnehmend, selbsthandelnd. Nur Studierende, die gelernt haben, selbsttätig planend und herstellend zu handeln, können diese Impulse authentisch und angemessen weitertragen. Sie wissen über eigenes Erkennen, was Menschen zuzutrauen ist, wo Impulse zu setzen und Vorgaben angemessen sind.

STADTLANDCAMPUS ALS FORTSCHRITTSIDEE UND REALLABOR

Wachstumskritische Diskurse und Bewegungen im Umfeld alternativer Ansätze von Wirtschaft und Gesellschaft könnten mit ihren Instrumenten dabei helfen, StadtLandentwicklung unter Schrumpfungsbedingungen zu betreiben. Diese Ansätze und Bewegungen setzen sich u.a. für den Ressourcen- und Klimaschutz, die Menschenrechte oder globale Verteilungsgerechtigkeit ein. Alle vertreten lebensbejahende, nachhaltige, solidarische und demokratische Grundwerte. Die einen setzen auf eine radikale Änderung der Lebensstile und wollen neue ethische Grundwerte etablieren. Andere Ansätze haben gesamtgesellschaftliche Zielvorstellungen im Kopf und vertreten entweder Wachstumsoptionen in ökologischen Grenzen oder stellen sich grundsätzlich gegen das Wachstumsparadigma. Ein StadtLandCampus könnte diesen Entwürfen Boden geben und als Reallabor fungieren. Es könnten Gemeinwohlbilanzen vor Ort erstellt, konsum- und komfortentrümpelte Lebensweisen erprobt, Kaufkraft an die Region gebunden und ganz praktisch die Balance zwischen Selbst- und Fremdversorgung an den Einzelnen und überschaubare Gemeinschaften gekoppelt werden. Praktisches Handeln experimentell erprobt kann damit genauso Inhalt eines praxisorientierten Planungsstudiengangs sein, wie auch die philosophisch-politisch-ethisch und ökonomisch relevanten und zu diskutierenden Fragen nach einem nachhaltig zu entwickelnden Gemeinwesen und seiner demokratisch grundierten Organisation. Im Ergebnis stellt der StadtLandCampus Beziehung her: Zwischen Stadt und Land, akademischem Wissen und Alltagserkenntnis sowie zwischen gesellschaftlicher Krisenwahrnehmung und seiner
Beantwortung im konkreten Experiment. Und er ist Ausdruck der Verantwortungsübernahme der Hochschulen für die aktuellen gesellschaftlichen Problemstellungen und für neue nachhaltige Lösungsansätze.

LITERATUR

SCHENKEL, Kerstin (2020): Transformation StadtLand. In: Altrock, Uwe; Kunze, Ronald; Schmitt, Gisela (Hg.): Stadterneuerung in Klein- und Mittelstädten. Jahrbuch Stadterneuerung 2020, S. 329-339.
SCHENKEL, Kerstin; ZEMKE, Reinhold (2019): Kollaborative Planung in ländlichen Räumen. Implikationen für Raumordnung und Daseinsvorsorge. In: PlanerIn, 2-2019, S. 37-39.
SCHENKEL, Kerstin (2018): StadtLandCampus. In: Bentlin, Felix / Million, Angela / Schenkel, Kerstin / Zemke, Reinhold (2018) Hrsg.: Lehr- und Lernraum StadtLand – Auf dem Weg zu einem neuen Planungsverständnis. Berlin.
BENTLIN, Felix / MILLION, Angela / SCHENKEL, Kerstin / ZEMKE, Reinhold (2018) Hrsg.: Lehr- und Lernraum StadtLand – Auf dem Weg zu einem neuen Planungsverständnis. Berlin.
SCHENKEL, Kerstin / FLECK, Laura / BENTLIN, Felix / KAISER, Julia / HOFE, Lennart v. (2018): Produktive Bildungs- und Arbeitsorte. In: Stadt und Region als Arbeitsort. 6. Hochschultag der Nationalen Stadtentwicklungspolitik. Berlin.




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