Professorin Manisha Jain im Gespräch
Wenn Sie auf Ihren bisherigen Weg schauen, was hat Sie in die Wissenschaft geführt?
Meine indischen Wurzeln haben mir schon früh vor Augen geführt, wie rasant und herausfordernd sich Räume entwickeln können. Diese nachhaltig und gerecht zu gestalten, fasziniert mich und die Wissenschaft gibt mir die Freiheit dem nachzugehen.
Was begeistert Sie bis heute an Ihrer Arbeit?
Raumentwicklung bleibt niemals theoretisch, sondern gestaltet direkt die Lebensrealität von Menschen. Es begeistert mich, mit den Studierenden Lösungen für die Fragen unserer Zeit wie dem Klimawandel und nachhaltige Regionalentwicklung erarbeiten zu können.
Wie würden Sie Ihr Forschungsfeld jemandem erklären, der nichts davon weiß?
Stellen Sie sich ein riesiges, dreidimensionales Puzzle vor, bei dem sich die Teile ständig verändern. Die Teile sind alles, was wir zum Leben brauchen: Wohnungen, Arbeitsplätze, Straßen, Natur, Schienen und Energieanlagen. Alle diese Dinge brauchen Platz, aber der Raum auf unserer Erde ist begrenzt. In der Raumentwicklung erforschen wir, wie wir diese Teile so zusammensetzen, dass ein harmonisches Gesamtbild entsteht.
Wie verlief Ihr persönlicher Karriereweg – gab es Phasen des Zweifelns und Scheiterns/besondere Herausforderungen/Erfolge und wie sind Sie damit umgegangen?
Mein Karriereweg war eine Reise zwischen zwei Welten: Ich musste eine neue Sprache lernen und ein völlig anderes, hochstrukturiertes Planungssystem verstehen. Indem ich meine Herkunft als Stärke umdefiniert habe, konnte ich mit Zweifeln und Rückschlägen umgehen. Die enorme Dynamik und Improvisationskunst, die ich aus Indien kenne, gibt mir heute Gelassenheit und Kreativität bei der Lösung von Raumproblemen.
Mein größter Erfolg ist meine Professur an der FH Erfurt und ich möchte meinen Studierenden vorleben, dass Umwege und Brüche im Lebenslauf keine Fehler sind, sondern genau die Erfahrungen, die uns einzigartig machen.
Was ist an wissenschaftlicher Arbeit oft unsichtbar für Außenstehende?
Wissenschaft besteht zu einem großen Teil aus Ausdauer, dem Management von Bürokratie und einer sehr hohen Frustrationstoleranz. In der Raumentwicklung betreiben wir zudem eine immense, unsichtbare Beziehungsarbeit: Wir müssen Netzwerke aufbauen und zwischen Politik, Verwaltung und Bürger:innen vermitteln.
Welche Veränderungen (im Bereich der Wissenschaft) wünschen Sie sich für zukünftige Generationen?
Ich wünsche mir mehr Mut zur Offenheit und mehr strukturelle Flexibilität. Internationale Biografien sollten als Innovationsmotor und Bereicherung gesehen werden und nicht als administrative Hürde. Außerdem brauchen wir ein System, das Umwege erlaubt, Diversität feiert und den Fokus auf das lenkt, worauf es ankommt: Gemeinsam zukunftsfähige und nachhaltige Lösungen für unsere Gesellschaft zu entwickeln.
Was hätten Sie gern früher über Wissenschaft/die Arbeit an einer Hochschule gewusst und welchen Rat würden Sie Wissenschaftler:innen in frühen Karrierephasen geben?
Dass wissenschaftlicher Erfolg aus Fachwissen, aber auch aus strategischer Beziehungsarbeit durch Netzwerke, Mentoring und mutigen Austausch auf Augenhöhe besteht. Mein Rat ist daher: Habt keine Angst vor eurer eigenen Biografie. Eine andere Perspektive – sei es durch Herkunft, Werdegang oder Denkweise – ist eure größte Stärke.
Sind Wissenschaftler:innen an der FHE gut aufgehoben? Was macht die FHE aus Ihrer Sicht zu einem guten Arbeitsplatz?
An der FHE unterstützt man sich und arbeitet auf Augenhöhe zusammen. Als Frau aus Indien wurde ich hier mit offenen Armen und viel Neugier für meine Perspektive empfangen. Außerdem wird hier nicht für die Schublade geforscht, sondern es werden angewandte Lösungen entwickelt, die direkt in der Region ankommen.
Fakultät
Architektur und Stadtplanung
Lehrgebiet
- International vergleichende Raumentwicklung und -analyse
- Großräumige Infrastruktur und daraus resultierende räumliche Ungleichheiten
- Integration von Umweltaspekten in die Raumentwicklung
- Mixed-Methods-Ansatz für die evidenzbasierte Raumplanung
- Anwendung von GIS, Digitalisierung und KI in Raumplanung und -analyse